Kreativität ist voller Widersprüche

Kreativität wird oft als Geistesblitz dargestellt. Eine Idee ist plötzlich da.
In Wirklichkeit ist Kreativität meistens weniger ein Moment als ein Prozess. Wir beobachten, sammeln, kombinieren und stellen Verbindungen zwischen Dingen her, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Das Neue entsteht dabei erstaunlich oft aus etwas Bekanntem.
Kreative Menschen sehen nicht zwangsläufig Dinge, die sonst niemand sieht. Sie sehen in bekannten Dingen etwas, das andere übersehen.
Das Neue im Alten entdecken
Unser Kopf arbeitet ständig mit Informationen, Erfahrungen und Erinnerungen. Kreativität entsteht häufig dann, wenn wir diese Bestandteile neu zusammensetzen.
Ein Gespräch.
Ein Bild.
Ein Satz aus einem Buch.
Eine Beobachtung auf dem Weg zur Arbeit.
Plötzlich verbindet sich etwas miteinander. Neue Informationen können dabei der Auslöser sein. Sie stören unsere bisherigen Denkmuster und zwingen uns, etwas neu einzuordnen.
Deshalb gehört zur Kreativität nicht nur die Fähigkeit, Ideen zu entwickeln. Sondern auch die Fähigkeit, wahrzunehmen.
Und manchmal sogar, das eigene Denken zu beobachten.
Warum denke ich gerade in diese Richtung?
Welche Annahme halte ich für selbstverständlich?
Was würde passieren, wenn genau das Gegenteil stimmen würde?
Kreativität beginnt also nicht nur mit «Think outside the box». Sondern oft mit:
Mind the mind.
Kreative sind selten entweder oder
Vielleicht ist gerade deshalb kaum etwas an kreativen Menschen eindeutig.
Sie verbinden Eigenschaften, die sich eigentlich widersprechen.
Sie können verspielt und diszipliniert sein.
Fantasievoll und gleichzeitig ausgesprochen realistisch.
Extrovertiert und introvertiert.
Ehrgeizig und selbstlos.
Konservativ und rebellisch.
Bescheiden und stolz.
Leidenschaftlich für eine Idee und gleichzeitig fähig, sie mit großer Distanz zu beurteilen.
Sie können sensibel für andere Menschen sein und im nächsten Moment beinahe kalt wirken, wenn es darum geht, eine Idee zu verteidigen oder weiterzuentwickeln.
Kreativität lebt offenbar weniger vom Entweder-oder als vom Sowohl-als-auch.
Vielleicht ist genau diese Fähigkeit entscheidend: Gegensätze auszuhalten, statt sie sofort auflösen zu wollen.
Wer viel wahrnimmt, fühlt oft auch viel
Sensibilität hilft dabei, Dinge wahrzunehmen, die andere übersehen.
Stimmungen.
Details.
Spannungen.
Veränderungen.
Aber dieselbe Sensibilität hat eine zweite Seite. Wer stärker wahrnimmt, kann auch stärker reagieren. Begeisterung und Zweifel liegen manchmal erstaunlich nah beieinander. Eine Idee kann sich morgens großartig anfühlen und am Abend völlig wertlos. Dieser emotionale Teil lässt sich nur begrenzt kontrollieren. Und wer häufig anders denkt als die Menschen um sich herum, kann sich schnell missverstanden oder isoliert fühlen. Neue Gedanken haben schließlich ein grundsätzliches Problem. Sie entsprechen noch nicht dem Konsens. Wer etwas Neues versucht, muss deshalb zumindest zeitweise bereit sein, gegen den Strom zu schwimmen.
Kreative sind Scouts
Vielleicht kann man kreative Menschen deshalb als Scouts verstehen. Sie bewegen sich an den Rändern dessen, was bereits bekannt ist. Sie schauen über den nächsten Horizont. Und bringen etwas zurück.
Eine Beobachtung.
Eine Idee.
Eine neue Perspektive.
Die eigentliche Kunst besteht aber nicht nur darin, diese Idee zu finden. Sondern sie so zu kommunizieren, dass andere sie plötzlich ebenfalls sehen können. Die stärksten Ideen bleiben deshalb nicht nur im Kopf. Sie bekommen eine Form.
Ein Bild.
Eine Geschichte.
Ein Produkt.
Einen Satz, den man nicht mehr vergessen kann.
Viele Menschen, die unsere Art zu denken verändert haben, waren deshalb nicht nur originelle Denker. Sie hatten auch den Mut, ihre Sicht auf die Welt sehr persönlich auszudrücken.
Nicht bis zur Unkenntlichkeit angepasst. Sondern aus einer eigenen Haltung heraus.
Wenn Arbeit und Person nicht sauber getrennt sind
Damit kommen wir zu einem vielleicht unbequemen Punkt. Wir sprechen heute viel über die Trennung von Arbeit und Leben. Und für viele Tätigkeiten ist das vollkommen sinnvoll.
Bei kreativer Arbeit funktioniert diese Trennung aber häufig schlechter. Denn eine kreative Idee entsteht nicht zwingend zwischen neun und fünf. Wir nehmen Erfahrungen mit. Gespräche. Filme. Reisen. Menschen. Ärger. Neugier. Beobachtungen beim Abendessen.
All das fließt irgendwann in unsere Arbeit ein.
Und gleichzeitig verändert die Arbeit wiederum, wie wir die Welt betrachten. Für viele Kreative sind Arbeit und Leben deshalb nicht zwei sauber getrennte Bereiche, die man gegeneinander ausbalanciert. Sie sind miteinander verwoben.
Creators don’t separate themselves from their work, because they are their work.
Ihre Erfahrungen, Widersprüche, Interessen und Eigenheiten sind kein Störfaktor im kreativen Prozess. Sie sind das Material. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Herausforderung kreativer Arbeit: Nicht alle Widersprüche aufzulösen. Sondern zu lernen, mit ihnen zu arbeiten.




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